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Ramakrishna:  Bhakti- & Jnana-Yoga

1. Vielfalt der Wege

Man sollte unterschiedliche Wege beschreiten. Einen jeden Glauben sollte man für eine gewisse Zeit ausüben.

Gott hat die unterschiedlichen Glaubenswege geschaffen, um unterschiedlichen Suchenden in unterschiedlichen Ländern zu unterschiedlichen Zeiten zu helfen. Alle Lehren sind lediglich verschiedene Wege, aber einer davon ist niemals Gott selbst.

Wie dasselbe Wasser in verschiedenen Sprachen unterschieden genannt wird - einer nennt es "Wasser", ein zweiter "vari", ein dritter "aqua", etc. - so wird das Wesen des Höchsten Geistes von manchen als "Gott", von anderen als "Allah", von wieder anderen als "Brahman" angerufen.

Nun meint aber jeder, gerade sein Glaube sei der einzig wahre, nur seine Uhr zeige die richtige Stunde ! Auch wenn die anderen Uhren noch so falsch gehen mögen, die Sonne zeigt auf jeden Fall die rechte Stunde ! Nach ihr kann man die Uhr stellen.

2. Der einzelne Schritt

Zur Ewigkeit kommt man durch die Endlichkeit.

Ich habe zu lernen, solange ich leben.

Man verwandelt sich in das, was man ohne Unterlass vorgibt zu sein.

Die Wesensart verändert sich nach dem Umfeld, in dem man lebt und wirkt.

Der geistige Ertrag eines Menschen ist abhängig von seinem inneren Zustand und seinen Gedanken. Er hat seinen Ursprung im Herzen und nicht in den äußeren Handlungen.

Gott achtet nur auf die Früchte des Herzens. Er merkt sich nicht, was einer im einzelnen tut oder wie er sich verhält. Gott lässt allein die Beweggründe gelten.

Wer sich nicht an die Wahrheit hält, verliert nach und nach alles.

Erkennst du etwas als falsch, dann gibt es sofort mit entschlossenem Sinn auf.

Unredliche Menschen mögen dir noch so Arges sagen, dich verleumden !  Willst du Gott von Herzen, wirst du alles ertragen.

Alle muss man lieben. Keiner ist ein Fremder.

Selbstverständlich müssen wir alle Menschen lieben - denn in jedem Lebewesen wohnt Gott.

Neige dein Haupt, wo die anderen sich neigen. Ehrerbietung bleibt niemals ohne Lohn.

3. Ichsucht

Sei niemals der Ansicht, nur du und sonst niemand besitze das Verständnis der Wahrheit und die anderen seien die Narren.

Zu Größe gelangt man, indem man demütig ist.

"Ich" und "Mein" bedeutet Nichtwissen - "Du" und "Dein" dagegen Wissen.

Nicht "ich", nicht "ich", sondern "Du".

Schwindet das Ich-Bewusstsein, offenbart sich Gott.

Es verhält sich wie mit der Mittagssonne. Man schaut sich um, sieht aber den eigenen Schatten nicht. In gleicher Weise hat man auch keinen Schatten des Ich-Bewusstseins, sobald einem  Erkenntnis  oder Innewerdung zuteil wurde. Doch selbst wenn noch etwas von dem Ich-Bewusstsein bliebe, so könnt ihr gewiss sein, es bestünde jetzt aus Wissen, und nicht aus Nichtwissen.

4. Weltgebundenheit

Die Seele, die an der Welt gebunden ist, lebt und stirbt im Abfall des Weltlichen - einer Fliege im Mist gleich. Die Fliege landet einmal auf einem Haufen Mist und dann wieder auf dem Zucker. Die Biene dagegen sammelt nur Blütenstaub für den Honig, sonst nichts anderes.

Lebt ihr in einem Raum voll Russ, wird dieser trotz all eurer Wachsamkeit auf euch abfärben.

Wasser fließt ohne Halt unter einer Brücke hindurch. Ebenso rinnt Geld den Freien durch die Hände, ohne dass sie es jemals ansammeln.

Befreiung ist unmöglich, wenn ein Mensch noch Wünsche hat und Weltliches begehrt.

Das Begehren nach Dingen der Welt muss in jenes nach Gottes verwandelt werden.

Die Hingabe an Gott wächst in gleichem Maße, wie das Gebundensein an weltliche Dinge nachlässt.

Ein Boot gehört ins Wasser, das Wasser aber niemals ins Boot. Wer zu Gott strebt, darf in der Welt leben, die Welt aber nicht in ihm.

Lebe in der Welt, wie die Dienerin im Haus eines reichen Herrn.

Viele können der Welt nicht entsagen, ohne sich an ihr erfreut zu haben.

5. Lehrer und Schüler

Wer ist der Guru wessen ?  Nur Gott allein ist Lenker und Guru des Universums.

Wenn dir wirklich daran gelegen ist, die Geheimnisse Gottes zu erfahren, dann wird Gott dir den wahren Lehrer schicken. Du, der du Gott liebst - du brauchst dich nicht selbst um einen Guru zu bemühen.

Wer von sich selbst behauptet ein Guru zu sein, ist von niedriger Gesinnung. Betrachte die Waage: die leichte Schale hebt sich. Wer selbst hoch ist, ist leicht.

Erst bitte Gott in den Tempel deines Herzens, zuerst erkenne Gott. Mit Vorträgen, Predigten und anderem kannst du anfangen, nachdem du Gott geschaut hast, aber nicht vorher.

Ergreife die Perle und lass die Austernschale fallen. Befolge die Lehren deines Lehrers und blicke nicht auf seine menschlichen Mängel.

Derjenige, der zur Freiheit strebt, ist der vollkommene Prediger. Viele kommen zu diesem Freien von überall her, und er wird sie unterrichten. Öffnet sich die Blüte, fliegen die Bienen uneingeladen herbei.

Lehrer gibt es zu Dutzenden, aber auch nur einen guten Schüler zu finden, ist schwierig.

6. Übung und Meditation

Gott wird man nicht schauen, wenn man sich nicht ohne Unterlass um ihn bemüht. Spirituelle Übungen sind erforderlich. Ohne Vorbereitung ist die Schau Gottes unmöglich.

Von unzähligen aufsteigenden Drachen aus Papier werden sich nur sehr wenige von der Schnur losreißen und davonfliegen. In gleicher Weise werden von Hunderten, die Gebete verrichten, allenfalls ein oder zwei von ihren irdischen Bindungen befreit.

Praktiziere Übungen, und du wirst erkennen, dass dein Denken dir zu jedem Ort hin folgt, an dem du es geleitest.

Das Denken ist so wichtig. Deine Gedanken binden dich, deine Gedanken befreien dich, die Gedanken nehmen Farbe an, mit der ihr die Gedanken färbt. Wie Tücher beim Färber. Färbe sie rot, und sie sind rot; färbe sie blau, und sie sind blau; färbe sie grün, und sie sind grün. Sie nehmen die Farbe an, mit der du sie färbst. Wenn du ein bisschen Englisch lernst, kommen wie von selbst englische Wörter aus deinem Mund heraus.

So wie du denkst, so fällt deine Ernte aus.

Ein Schütze lernt dadurch schießen, dass er sich zu Beginn große Ziele vornimmt, worauf es ihm mit wachsender Fähigkeit ein leichtes wird, auf kleinere Ziele zu schießen. Ebenso verhält es sich mit dem Geist: Es ist leichter, sich auf das Gestaltlose zu richten,  wenn vorher eingeübt wurde, sich auf Gestalthaftes einzustellen.

Meditiere im Geist, zu Hause und im Wald. Und unterscheide zwischen sat und asat. Gott ist sat, dass heißt ewig; alles andere ist asat, das heißt vergänglich.  Unterscheide wieder und wieder, so wird das Vergängliche seine Macht über deinen Geist verlieren.

Die vollkommene Verwandlung des Selbst des Meditierenden: so wie ein Salzpuppe, die in den Ozean tauchte, um dessen Tiefe auszuloten. Doch kaum hatte sie das Wasser berührt, löste sie sich im Meer auf.

7. Glauben, Vertrauen und Sehnsucht

Wer Glauben besitzt, besitzt alles. Wem Glauben fehlt, dem fehlt alles.

Besitzt du Glauben, wirst du bekommen, wonach du begehrst.

An den Namen Gottes zu glauben, bewirkt Wunder, denn der Glaube ist Leben.  Zweifel jedoch bedeutet Tod.

Ich will euch nur sagen, dass Gott euer engster Vertrauter ist, und kein Fremder.

Übergib alles Gott - gib dich Gott hin. Dann hört jede Verwirrung auf. Dann wirst du erkennen, Gott tut alles.

Sei in der Welt wie ein fortgeworfenes Blatt Papier, es ist ohne Wert. Der Wind treibt es einmal hierhin, einmal dorthin. Genau so. Heute wirst du an diesen Platz gesetzt. Das ist gut. Bleibe dort. Wenn Gott dich aber von dort wegnimmt und an einen besseren Platz setzt, dann werden die Welt und deine Familie nichts verloren haben.

Am morgigen Tag wird der Herr selbst für dich sorgen, wenn du es nicht allein vermagst.

Ich bin Gottes Kind, der Sohn des Königs der Könige.   Wer sollte mich denn binden ?

Die einen weinen Tränen um Tränen, weil ihnen kein Stammhalter geboren wurde; andere richten ihr Herz zugrunde, weil ihnen Reichtum verwehrt bleibt. Doch wieviele weinen darum, dass sie Gott nicht erlangt haben ?

8. Liebe und Erkenntnis

Das Herz des Bhakta (Person, die Gott selbstlos liebt) ist Gottes Wohnort. Gott ist in allen Geschöpfen, gewiss, doch im Herzen seiner Bhaktas ist Gott in besonderer Weise.

Je tiefer Bhakti (selbstlose Liebe zu Gott) im Herzen des Menschen wuchs, umso einfacher ist die Anwesenheit Gottes in allem zu empfinden.

Ein Abdruck bleibt in weichem Lehm zurück, jedoch nicht in gebranntem Lehm oder in einem Stein. Genauso drückt sich dem Bhakta die Weisheit Gottes ein. Sie tut es aber nicht in den Herzen der gebundenen Seelen, in denen das Feuer der Weltlichkeit brennt.

Tauche tief in das Meer der göttlichen Liebe ein. Habe keine Angst. Es ist das Meer der Unsterblichkeit.

Bhakti (selbstlose Liebe zu Gott) ist wesentlich, das einzig Notwendige.

Wallfahrten ohne Gottesliebe sind ohne Nutzen. Mit Gottesliebe im Herzen ist es nicht mehr nötig, zu den heiligen Orten zu pilgern. Denn dann bist du schon am rechten Ort, wo du jetzt bist.

Die Motte fliegt nicht wieder in die dunkle Nacht zurück, wenn sie einmal das helle Licht erblickt hat.  Ein Bhakta versengt nicht wie eine Motte. Das Licht, auf das sich der Gottesliebende stürzt, ist das Licht eines Juwels !

Es gibt so etwas:  Gott zu lieben, ohne den Grund dafür zu wissen. Wenn sich dies ereignet, sind alle Wünsche erfüllt.

Zu dieser Einsicht muss der Erkennende gelangen: "Ich bin nicht identisch mit meinem Körper. Eins bin ich mit der All-Seele, dem absoluten und unbedingten Sein. Weil ich nicht Körper bin, unterwirft mich auch nichts seinem Gesetz, also nicht Hunger und Durst, Geburt und Tod."

Ist der Mensch zu wahrer Jnana (Erkenntnis) gelangt, sieht er Gott nicht länger als ein weit entferntes Etwas. Nicht länger als ein "Er" wird Gott empfunden, sondern als das "Dieses" hier drinnen, das in der eigenen Seele ist.

9. Schau und Innewerdung

Nur wenige verstehen, dass es das Ziel menschlichen Daseins darstellt, Gott zu schauen.

Für dieses Schauen gilt es eine lange Strecke zu gehen.

Die Strahlen der Sonne fallen gleich auf jede Oberfläche, aber nur jene Oberflächen, die rein und klar sind - so wie Wasser, ein Spiegel oder poliertes Metall -, vermögen die Sonne in vollkommener Weise widerzugeben. So offenbart sich Gott.

10. Die eine Wesenheit

Vier Blinden kam es in den Sinn herauszufinden, wie ein Elefant aussehe. Der Erste berührte dessen Beine und urteilte: "Er ist wie eine Säule." Der zweite fasste den Rüssel und meinte: "Er gleicht einer dicken Keule." Der dritte berührte den Bauch und befand, ein Elefant sei wie eine große Tonne. Der vierte befühlte ein Ohr und folgerte: "Er ähnelt einer Futterschaufel."   -  Deshalb begannen sie über die wahre Gestalt des von ihnen erforschten Tiers zu streiten. Ein Vorübergehender hielt an und fragte: "Worüber streitet ihr euch ?", und sie sagten es ihm und ernannten ihn zum Schlichter des Streits. Da sprach er: "Keiner von euch kennt den wirklichen Elefanten. Als Ganzes gleicht er weder einer Säule noch einer Keule noch einer Tonne noch einer Futterschaufel. Doch seine Beine sind wie Säulen, sein Rüssel ist wie eine Keule, sein Bauch wie eine Tonne und seine Ohren sind wie Futterschaufeln; dies sind Bestandteile des Elefanten, aber nicht der Elefant als Ganzes.

Aus der Ferne betrachtet, ist das Wasser des Meeres blau. Geht man aber an das Ufer heran und schöpft mit der Hand Wasser, sieht man, dass das Wasser klar und durchscheinend ist. Klein wirkt die Sonne, weil wir sie aus großer Ferne sehen.  Kennt man das wahre Wesen Gottes, erscheint er weder blau noch klein.

An eines zu glauben, ist genug. An den formlosen Gott zu glauben, das ist gut. Aber meine nicht, nur dies sei wahr und alles andere falsch. Bedenke, Gott ohne Form ist wahr, und Gott mit Form ist auch wahr. Nimm das, woran du glaubst, und halte daran fest.

Doch mit Sicherheit ist Gott nicht das Bildnis, das man anbetet.

Gott spricht: "Ich bin die zuschnappende Schlange und zugleich der heilende Arzt."

Das Wasser und die Gischt auf ihm sind eins, denn die Gischt wird aus dem Wasser geboren, treibt darauf und verliert sich auch wieder darin. Genau so sind das individuelle Selbst (Seele) und das Selbst des Höchsten (Gott) in ihrem Wesen dasselbe. Sie unterscheiden sich darin: das eine ist begrenzt und klein, das andere unbegrenzt. Das eine ist abhängig, das andere aber frei.

Ohne das Ewige ist das irdische Leben nicht denkbar, genauso wie ohne das irdische Leben das Ewige nicht denkbar ist.

"Nichts ablehnen, alles einbeziehen."

(c) DDr. Michael Reinprecht