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Von Strauss,  1870

Vorwort

Ich überzeugte mich, dass zum gründlichen Verständniss des Tao Te King weder die philosophische noch die religiöse Bildung der chinesischen Ausleger ausgereicht habe, dass dazu die unsrige ganz andere Mittel und Vortheile gewähre, und diese suchte ich nach dem mir gebotenen Maasse anzuwenden. Dadurch trat Lao-tse's System und Denkweise in ein ganz anderes Licht, und indem nun aus ihrer Gesamtheit heraus das Einzelne erklärt wurde, musste dessen Auslegung sich in gar vielen Fällen von der Auffassung der chinesischen Commentatoren entfernen .... So sehr ich nun auch bemüht gewesen bin, auf Grundlage des Grammatikalischen und Lexikalischen den Sinn des Einzelnen aus dem engern und weitern Zusammenhange zu ermitteln, so maasse ich mir doch keineswegs an, überall das Richtige getroffen zu haben. Indess habe ich mich nie ohne sorgfältige Prüfung von der herkömmlichen Auslegung entfernt. Im Verständnis des Sinnes mögen wir den gelehrten Chinesen überlegen seyn; im Wortverständnis haben wir von ihnen zu lernen.

Bei der Übersetzung ist die möglichste Genauigkeit angestrebt, wodurch sie allein wahren Werth für den Forscher haben kann; auch ist versucht, der Redekürze des Originals thunlichst nahezukommen. Im Deutschen lässt sich darin mehr leisten als im Französischen, und ebendarum muss es auch geleistet werden.

Eine Schwierigkeit, die bei jeder Uebersetzung aus einer fremden Sprache gefühlt wird, tritt dem Chinesischen gegenüber in hohem Maasse hervor. Diess ist die Unanmessbarkeit der chinesischen Wortbegriffe gegen die deutschen, ja gegen die europäischen überhaupt. Nur zu oft ist ein gleichgeltender Ausdruck gar nicht aufzufinden und selbst der nächstkommende mit Sicherheit nicht zu bestimmen.

Leichtigkeit kann und darf die Übersetzung nicht haben, denn auch das Original hat sie nicht, hatte sie auch nicht für die Mitlebenden des Verfassers; dem Leser aber, so weit dies möglich ist, den Eindruck des Originals zu geben, darauf kommt es an. Aus diesem Grunde sind auch die häufigen Verscitate als solche wiedergegeben, und wo es irgend thunlich war, wurde da gereimt, wo im Chinesischen der Reim steht. Begreiflicherweise konnte dabei die strenge Genauigkeit der Üebersetzung nicht immer eingehalten werden, doch ist das Wörtliche dann immer in dem Commentare angeführt.

Nach Abschluss dieser Vorrede erhalte ich: "Lao-tse Tao-te-king. Der Weg zur Tugend. Aus dem Chinesischen übersetzt und erklärt von Reinhold von Plaenckner. Leipzig: Brockhaus. 1870." Zu einer Revision meiner Auslegung würde mir dieses Buch, auch wenn es mir zeitiger vorgelegen hätte, keinen Anlass gegeben haben. Es entfernt sich zu sehr von Allem, was der Ernst deutscher Wissenschaft sowol für die Übersetzung als für die Auslegung bisher als Ziel aufgestellt hat. Würde man von einem Werke Platons oder Aristoteles' oder von Plotin eine so willkürliche, in modernen Abstractionen sich bewegende Paraphrase als Üebersetzung geben, wie es hier von Lao-tse geschehen, alle Urtheilsfähigen würden sich, und mit Recht, aufs Schärfste dagegen aussprechen. Bei der Liebe, ja dem Enthusiasmus des Bearbeiters für seinen Autor, über die man sich nur freuen kann, ist es schwer zu begreifen, wie er dazu kommen konnte, ihn so ganz und gar seiner Eigenthümlichkeit zu berauben, wie ein Vormund für ihn zu sprechen, statt ihn selbst sprechen zu lassen, seinen Worten nicht selten einen Sinn unterzulegen, der alles Sprachgebrauches spottet, ja ihn einige Mal direct das Gegentheil sagen zu lassen von dem, was dasteht ... Sein Urtheil über Stanislas Julien ist entschieden zu missbilligen. Er hätte von diesem grossen Kenner des chinesischen Sprach- gebrauches noch viel lernen können, und sein Werk dürfte anders ausgefallen seyn, wenn er es gethan hätte.


1

Verwirklichung des Tao

Tao, kann es ausgesprochen werden,
Ist nicht das ewige Tao.

Der Name, kann er genannt werden,
Ist nicht der ewige Name.

Das namenlose ist des Himmels und der Erde Urgrund,
Das Namen-Habende ist aller Wesen Mutter.

Darum:
»Wer stets begierdenlos,
Der schauet seine Geistigkeit,
Wer stets Begierden hat,
Der schauet seine Außenheit«.

Diese Beiden sind desselben Ausgangs
Und verschiedenen Namens,
Zusammen heißen sie tief, des Tiefen abermal Tiefes,
Aller Geistigkeiten Pforte.

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2

Erziehung der Person

Erkennen alle in der Welt des Schönen Schön-Sein
Dann auch das Hässliche;
Erkennen alle des Guten Gut-Sein,
Dann auch das Nichtgute.

Denn:
Sein und Nichtsein einander gebären
Schwer und leicht einander bewähren
Lang und Kurz einander erklären,
Hoch und Niedrig einander entkehren,
Ton und Stimme einander sich fügen,
Vorher und Nachher einander folgen.

Daher:
Der Heilige Mensch beharrt im Wirken des Nicht-Tun.
Wandeln, nicht Rede ist seine Lehre.
Alle Wesen treten hervor und er entzeiht sich ihnen nicht.
Er erzeugt und besitzt nicht,
Er wirkt und gibt nichts darauf,
Ist verdienstliches vollendet, besteht er nicht darauf.

»Weil er nicht darauf besteht,
Darum es ihm nicht entgeht«.

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3

Befriedung des Volks

Nicht hochstellen die Weisen,
Macht das Volk nicht hadern.

Nicht hochschätzen Güter schweren Erwerbs,
Macht das Volk nicht Diebstahl verüben.

Nicht ansehen Begehrbares,
Macht das Herz nicht unruhig.

Daher des Heiligen Menschen Regelung:
Er leert sein Herz und füllt sein Inneres,
Schwächt seinen Willen, stärkt sein Gebein.
Immer macht er das Volk nichts kennen, nichts begehren
Und macht, dass die, welche kennen, nicht wagen zu tun.

Tun da Nicht-Tun,
Dann gibt es nicht Nicht-Regelung.

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4

Ursprungslos

Tao ist leer,
Und in seinem Wirken wird es nie gefüllt.
Ein Abgrund, oh!, gleicht es aller Wesen Urvater.

»Es bricht seine Schärfe,
Streut aus seine Fülle,
Macht milde sein Glänzen,
Wird eins seinem Staube«.

Tiefstill – gleich wie wenn es da währe.
Ich weiß nicht wessen Sohn es ist.

Es zeigt sich als Vorgänger des Herrn.

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5

Wirkung der Leere

Himmel und Erde haben keine Menschenliebe;
Sie nehmen alle Wesen für einen Heu-hund.

Der heilige Mensch hat keine Menschenliebe;
Er nimmt das Volk für einen Heu-hund.

Was zwischen Himmel und Erde,
Wie gleicht es dem Blasebalg!

Er ist leer und doch unerschöpflich;
Er regt sich, und um so mehr geht heraus.

»Viele Worte meist in nichts verrinnen;
Weit besser, man bewahrt sie innen.«

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6

Vollendung der Form

Der Tal-Geist ist unsterblich
Er heißt das tiefe Weibliche.

Des tiefen weiblichen Pforte,
Sie heißt des Himmels und der Erde Wurzel.

Je und je ist er wie daseiend,
in seinem Wirken mühelos.

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7

Verdunklung des Glanzes

Der Himmel ist bleibend und die Erde dauernd.
Himmel und Erde können deshalb bleibend und
dauernd sein,
weil sie sich nicht selbst leben.

Darum können sie bleiben und dauern.

Daher:
Der heilige Mensch setzt sein Selbst hintan,
und sein Selbst kommt voran;

Er entäußert sich seines Selbst,
und sein Selbst wird bewahrt.

Ist es etwa nicht so,
weil er nichts eigen hat ?,
darum kann er sein Eigen vollenden.

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8

Willfährigkeit der Natur

Der höchst Gute ist wie Wasser.

- Wasser ist gut, allen Wesen zu nützen,
und streitet nicht;
es bewohnt, was die Menschen
verabscheuen. -

Darum ist er nahe dem Tao.

Im Wohnen ist er gut der Erde,
Im Herzen gut dem Abgrund,
Im Geben gut der Menschenliebe,
Im Reden gut der Wahrheit,
Im Herrschen gut der Regelung,
Im Wirken gut der Fähigkeit,
Im Bewegen gut der rechten Zeit.

Er streitet nicht,
darum wird ihm nicht gegrollt.

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9

Umkehrung des Üblichen

Ergreifen und zugleich vollgießen,
das unterbleibt besser.

Betasten und zugleich schärfen,
das kann nicht lange währen.

Füllt Gold und Edelstein eine Halle,
vermag es keiner zu schützen.

Reich, geehrt und zugleich hochmütig,
beschert sich selbst sein Unglück.

Ist Verdienstliches vollendet
und Ruhm erlangt —
dann sich selbst zurückziehen,
ist des Himmels Weg.

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10

Fähigkeiten des Wirkens

Wer dem Geist die Seele eingibt
und Einheit umfängt,
kann ungeteilt sein.

Reguliert er den Lebensodem
bis zur Nachgiebigkeit,
kann er wie ein Kindlein sein.

Reinigt und öffnet er den tiefen Blick,
kann er ohne Schwachheit sein.
Liebt er das Volk und regelt er das Land,
kann er ohne Tun sein.

Öffnen oder schließen sich die Himmelspforten,
kann er wie eine Vogelmutter sein.
Lichthell alles durchdringend,
kann er ohne Wissen sein.

Er belebt und ernährt,
erzeugt und besitzt nicht,
wirkt und gibt nichts darauf,
erhält und beherrscht nicht.
Das heißt tiefe Tugend.

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11

Gebrauch des Nicht-Seins

Dreißig Speichen treffen auf eine Nabe:
Gemäß ihrem Nicht-sein ist des Wagens
Gebrauch.

Man erweicht Ton, um ein Gefäß zu machen:
Gemäß seinem Nicht-sein ist des Gefäßes
Gebrauch.

Man bricht Tür und Fenster aus, um ein Haus zu
machen:

Gemäß ihrem Nicht-sein ist des Hauses
Gebrauch.

Darum: Das Sein bewirkt den Nutzen,
Das Nicht-sein bewirkt den Gebrauch.

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12

Bändigung der Begierden

Die fünf Farben machen
des Menschen Äug' blind,

Die fünf Töne machen
des Menschen Ohr taub,

Die fünf Geschmäcke machen
des Menschen Mund stumpf,

Pferderennen und Feldjagd machen
des Menschen dumpf,

Schätze, schwer erreichbar, machen
des Menschen Wandel krumm.»

Deshalb: «Des Heiligen Tun ist seine Brust,
Nicht Augenlust.»

Darum läßt er jenes und ergreift dieses.

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13

Überdrüssig der Demütigung

Gnade und Ungnade ist wie eine Furcht,
Würde eine so große Plage wie der Körper.

Was heißt:
Gnade und Ungnade ist wie eine Furcht ?

Gnade erniedrigt:
Sie erlangen, ist wie eine Furcht,
sie verlieren, ist wie eine Furcht.

Das heißt: Gnade und Ungnade ist wie eine Furcht.

Was heißt:
Würde ist eine so große Plage wie der Körper ?

Ich habe deshalb große Plage, weil ich einen Körper habe.
Bin ich erst ohne Körper, welche Plage habe ich?
Darum:

Wer an Würde das Reich dem Körper gleichachtet,
dem kann man das Reich anheimstellen.

Wer an Liebe das Reich dem Körper gleichachtet,
dem kann man das Reich anvertrauen.

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14

Bezeugung des Tiefen

Man schaut danach und sieht es nicht,
sein Name ist: Ji (gleich),

Man horcht danach und hört es nicht,
sein Name ist: Hi (wenig),

Man faßt danach und greift es nicht,
sein Name ist: Weh (fein).

Diese Drei können nicht ausgeforscht werden,
darum werden sie verbunden und sind Eins.

Sein Oberes ist nicht klar,
sein Unteres ist nicht dunkel.

Je und je ist es unnennbar
und wendet sich zurück ins Nicht-Wesen.

Das heißt des Gestaltlosen Gestalt,
des Bildlosen Bild.

Das ist ganz unerfaßlich.

Ihm entgegnend, sieht man nicht sein Haupt,
ihm nachfolgend, sieht man nicht seine Rückseite.

Hält man sich an das Tao des Altertums,
um das Sein der Gegenwart zu beherrschen,
so kann man des Altertums Anfänge erkennen:
Das heißt Gewebsfaden des Tao.

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15

Enthüllung der Tugend

Die Guten des Altertums, die Meister geworden,
waren fein, geistig und tief eindringend.
Verborgen, konnten sie nicht erkannt werden.

Weil sie nicht erkannt werden können,
so mühe ich mich, sie kenntlich zu machen.

Behutsam waren sie,
wie wer im Winter einen Fluß überschreitet,

vorsichtig,
wie wer alle Nachbarn fürchtet,

zurückhaltend wie ein Gast,
zergehend wie Eis, das schmelzen will,
einfach wie Rohholz,
leer wie ein Tal,
undurchsichtig wie getrübtes Wasser.

Wer kann das Trübe, indem er es stillt,
allmählich klären ?

Wer kann die Ruhe, indem er sie bewegt,
allmählich beleben ?

Wer dieses Tao festhält,
wünscht nicht gefüllt zu sein.

Ist er nicht gefüllt,
so kann er mangelhaft sein
und nicht neu vollendet.

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16

Rückkehr zum Ursprung

Wer der Entäußerung Gipfel erreicht hat,
bewahrt unerschütterliche Ruhe.
Alle Wesen miteinander treten hervor,
und ich sehe sie wieder zurückgehen.

Wenn die Wesen sich entwickelt haben,
kehrt jedes zurück in seinen Ursprung.

Zurückgekehrt in den Ursprung,
heißt: Ruhe.

Ruhe heißt: Zurückkehren zur Bestimmu
Zurückkehren zur Bestimmung, heißt: Ewig-sein.
Das Ewige erkennen, heißt: Erleuchtet-sein.

Das Ewige nicht erkennen, macht verderbt
und unglücklich.

Wer das Ewige erkennt, ist umfassend -
umfassend, daher gerecht, -
gerecht, daher kömglich, -
königlich, daher himmlisch, -
himmlisch, daher in Tao, -
in Tao, daher fortdauernd.

Er büßt den Körper ein ohne Gefahr.

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17

Reinhaltung des Brauchs

Von den großen Herrschern wußten
die Untertanen kaum,
daß sie da waren.

Deren Nachfolger liebten und lobten sie.
Deren Nachfolger fürchteten sie.
Deren Nachfolger verachteten sie.

Vertraut man nicht genug, erhält man kein Vertrauen.
Wie vorsichtig waren ihre kostbaren Worte!
Verdienstliches wurde vollendet, Werke vollbracht,
und alle hundert Geschlechter sagten:

Wir sind frei.

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18

Verwässerung der Sitten

Wird das große Tao verlassen,
gibt es Menschenliebe und Gerechtigkeit.

Kommen Klugheit und Gewandtheit auf,
gibt es große Heuchelei.

Sind die sechs Blutsverwandten uneinig,
gibt es Kindespflicht und Elternliebe.

Sind Land und Sippen in Verfall und Zerrüttung,
gibt es treue Staatsdiener.

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19

Rückkehr zur Reinhaltung

Laßt fahren die Heiligkeit, gebt auf die Klugheit!,
und des Volkes Wohl wird sich verhundertfachen.

Laßt fahren die Menschenliebe, gebt auf
die Gerechtigkeit!, und das Volk wird zurückkehren
zu Kindespflicht und Elternliebe.

Laßt fahren die Geschicktheit, gebt auf den Gewinn!,
und Diebe und Räuber wird es nicht geben.

In diesen Drei -
«Nimmt man den Schein nicht als genügend an,
Drum soll man haben, dran man halten kann;
Man zeige Lauterkeit, ziehe Einfalt an,
Sein Eignes mindre, wenig wünsche man.»

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20

Anders als die Menge

Wer das Lernen aufgibt, hat keinen Kummer.
«Ja» und «Jawohl», wie wenig unterscheiden sie sich!
Gut und Böse, wie sehr unterscheiden sie sich!
Was die Menschen fürchten, kann man nicht nicht-fürchten.

Die Verfinsterung, o daß sie noch nicht aufhört!

Die Menschen strahlen vor Lust,
wie bei der Feier großer Feste,
wie bei Ersteigen von Anhöhen im Frühling:

Ich allein liege still, noch ohne Anzeichen,
wie ein Kindlein, das noch nicht lächelt.
Ich lasse mich treiben wie einer ohne Heimstätte.
Die Menschen haben alle Überfluß:
Ich allein bin wie ausgeleert.
Oh, ich habe eines Toren Herz!,
ich bin so verwirrt!

Die gewöhnlichen Menschen sind sehr erleuchtet:
Ich allein bin wie verfinstert.

Die gewöhnlichen Menschen sind sehr geläutert:
Ich allein bin ganz trübe.

Flutend wie das Meer, umhergetrieben ohne
Aufenthalt.

Die Menschen sind alle brauchbar.
Ich allein bin schwerfällig und ungeschickt.
Ich allein bin anders als die Menschen,
aber ich ehre die nährende Mutter.

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21

Herz der Leere

Der leeren Tugend Inhalt, nur Tao folgt er nach.
Tao ist Wesen, aber unfaßlich, aber unbegreiflich.

Unbegreiflich, unfaßlich!, in ihm sind die Bilder.
Unfaßlich, unbegreiflich!, in ihm sind die Wesen.
Unergründlich, dunkel!, in ihm ist der Geist.

Sein Geist ist höchst wahr, in ihm ist Treue.

Von alters her bis jetzt verging sein Name nicht,
weil es aller Dinge Anfang bewirkt.

Woher weiß ich, daß aller Dinge Anfang so ist ?
Durch dieses.

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22

Füllung der Bescheidenheit

Was krumm, werde vollkommen,
Was ungleich, werde gerade,
Was vertieft, werde gefüllt,
Was zerrissen, werde neu,
Wenn wenig, werde erreicht,
Wenn viel, werde verfehlt.

Daher:
Der heilige Mensch umfaßt das Eine
und wird der Welt Vorbild.

Nicht sich sieht er an,
darum leuchtet er.

Nicht sich ist er recht,
darum zeichnet er sich aus.

Nicht sich rühmt er,
darum hat er Verdienst.

Nicht sich erhebt er,
darum ragt er hervor. -

Weil er nicht streitet,
darum kann keiner in der Welt mit ihm streiten.
Was die Alten sagten:

«Was krumm, werde vollkommen»,
sind es denn leere Worte?

Ein wahrhaft Vollkommener,
und man kehrt dahin zurück.

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23

Leere und Nichtsein

Wenig reden ist naturgemäß.
Wirbelwind währt keinen Morgen,
Platzregen währt keinen Tag.
Wer macht diese ?
Himmel und Erde.
Himmel und Erde sogar können nicht dauern,
wieviel weniger denn der Mensch!

Darum:
Wessen Tun mit Tao übereinstimmt,
wird eins mit Tao.

Der Tugendsame wird eins mit der Tugend,
Der Verderbte wird eins mit der Verderbnis.

Wer eins wird mit Tao,
auch Tao freut es, ihn zu bekommen.
Wer eins wird mit der Tugend,
auch die Tugend freut es, ihn zu bekommen.
Wer eins wird mit der Verderbnis,
auch die Verderbnis freut es, ihn zu verderben.

Vertraut man nicht genug, erhält man kein Vertrauen.

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24

Bittere Neigung

Wer sich auf die Zehen stellt, steht nicht fest.
Wer die Beine spreizt, schreitet nicht fort.
Wer sich ansieht, leuchtet nicht.
Wer sich recht ist, zeichnet sich nicht aus.
Wer sich rühmt, hat kein Verdienst.
Wer sich erhebt, ragt nicht hervor.

Sein Verhalten zu Tao
ist wie Speiseüberrest, wie schwülstiges Gebaren;
jeder verabscheut es.

Darum:
Wer Tao hat, hält es nicht so.

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25

Das Tiefe im Abbild

Es gibt ein Wesen,
unbegreiflich, vollkommen,
vor Himmel und Erde entstanden.
So still!, so gestaltlos!
Es allein beharrt und wandelt sich nicht.
Durch alles geht es und gefährdet sich nicht.
Man kann es ansehen als der Welt Mutter.
Ich kenne nicht seinen Namen.

Bezeichne ich es,
nenne ich es: Tao.

Bemüht, ihm einen Namen zu geben,
nenne ich es: Groß.

Als groß nenne ich es: Fortgehen,
Als fortgehen nenne ich es: Entfernt,
Als entfernt nenne ich es: Zurückkehren.

Denn Tao ist groß, der Himmel ist groß, die Erde ist groß,
der König ist auch groß.
In der Welt gibt es vier Große,
und der König ist von ihnen einer.

Des Menschen Richtmaß ist die Erde,
der Erde Richtmaß ist der Himmel,
des Himmels Richtmaß ist Tao,
Taos Richtmaß ist sein Selbst.

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26

Tugend des Schweren

Das Schwere ist des Leichten Wurzel.
Das Ruhige ist des Unruhigen Herr.

Daher:
Der heilige Mensch wandelt den ganzen Tag,
ohne von ruhigem Ernst zu weichen.

Hat er auch prächtige Gebäude,
gelassen bewohnt er sie und verläßt sie ebenso.

Wie aber, wenn der Gebieter der zehntausend Streitwagen
um seiner selbst willen leicht nimmt das Reich?

Nimmt er es leicht, so verliert er die Vasallen.
Ist er unruhig, so verliert er die Herrschaft.

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27

Anwendung der Geschicklichkeit

Ein guter Wanderer läßt nicht Fußspurmäler,
Ein guter Sprecher macht nicht Redefehler,
Ein guter Rechner braucht nicht Rechenzähler,
Ein guter Schließer braucht nicht Schloß noch Riegel,
und dennoch ist nicht aufzulüpfen,

Ein guter Binder braucht nicht Schling’ noch Knoten,
und dennoch ist nicht aufzuknüpfen.

» Daher:
Der heilige Mensch
ist stets ein guter Helfer der Menschen,
darum verläßt er keinen Menschen,
ist stets ein guter Helfer der Geschöpfe,
darum verläßt er kein Geschöpf.«

Das heißt zweifach leuchten.
Darum ist der gute Mensch des nichtguten Menschen Erzieher,
der nichtgute Mensch des guten Menschen Schatz.

Nicht ehren seinen Erzieher,
nicht lieben seinen Schatz,
ist trotz aller Klugheit große Verblendung.

Das heißt bedeutsam und geistig.

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28

Rückkehr zur Einfalt

Wer seine Mannheit kennt,
an seiner Weibheit hält,
Der ist das Strombett aller Welt.

Ist er das Strombett aller Welt,
Die stete Tugend nicht entfällt,
Und wieder kehrt er ein zur ersten Kindheit.

Wer seine Helle kennt,
sich in sein Dunkel hüllt,
Ist aller Welt ein Musterbild.

Ist er der Welt ein Musterbild,
Die stete Tugend bleibt sein Schild,
Und wieder kehrt er ein ins Unbefangene.

Wer seine Hoheit kennt und hält Erniedrigung,
Ist aller Welt Tal-Niederung.
Ist er der Welt Tal-Niederung,
Dann steter Tugend ist's genug,
Und wieder kehrt er ein zur ersten Einfalt.

Wird die Einfalt zerstört, dann wird sie Brauchbares.
Wendet der heilige Mensch sie an, dann wird er der Beamten Herr.
Denn große Herrschaft verletzt nicht.

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29

Nicht-Tun

Wer trachten wollte, das Reich zu nehmen
und es zu machen,
ich sehe, daß es ihm nicht gelingt.

Das Reich ist ein geistiges Gefäß,
es kann nicht gemacht werden.
Der Macher zerstört es, der Nehmer verliert es.
Denn ein Wesen:

«bald geht es vor, bald folgt es nach,
bald atmet es warm, bald kalt darein,
bald wird es stark, bald wird es schwach,
bald steigt es auf, bald stürzt es ein.»

Daher:
Der heilige Mensch
meidet das Übersteigen,
meidet die Überhebung,
meidet das Überragen.

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30

Maßhaltung des Kriegs

Wer mit Tao dem Menschenherrscher beisteht,
vergewaltigt nicht mit Waffen das Reich.
Sein Verfahren liebt zurückzukehren.
Wo Heerhaufen lagern, gehen Disteln und Dornen auf.
Großer Kriegszüge Folge sind sicherlich Notjahre
Der Gute siegt, und damit genug.

Er wagt nicht, zur Vergewaltigung zu greifen.
Er siegt und ist nicht stolz,
er siegt und triumphiert nicht,
er siegt und überhebt sich nicht,
er siegt, wenn er es nicht vermeiden kann,
er siegt und vergewaltigt nicht.

«Was stark geworden ist, ergreist,
und das ist, was man Tao-los heißt;
was Tao-los ist, das endet früh.»

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31

Beendung des Kriegs

Auch die schönsten Waffen sind Unglückswerkzeuge,
alle Wesen verabscheuen sie.
Darum, wer Tao hat, führt sie nicht.
Ist der Weise daheim, dann schätzt er die Linke,
braucht er die Waffen, dann schätzt er die Rechte.

Waffen sind Unglückswerkzeuge,
nicht des Weisen Werkzeuge.
Wenn er es nicht vermeiden kann und sie braucht,
sind ihm Frieden und Ruhe doch das Höchste.

Er siegt, aber ungern.
Es gern tun, ist: sich freuen, Menschen zu töten.
Wer sich freut, Menschen zu töten,
kann sein Ziel in der Welt nicht erreichen.

Bei erfreulichen Handlungen bevorzugt man
die Linke,
bei schmerzlichen Handlungen bevorzugt man
die Rechte.

Der Unterfeldherr steht links,
der Oberfeldherr steht rechts,
um anzuzeigen, er stehe wie bei der Leichenfeier.

Wer viele Menschen getötet, beweine sie
mit Trauer und Wehklage.
Wer im Kampfe gesiegt, der stehe wie bei
der Leichenfeier.

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32

Tugend der Heiligkeit

Tao, das Ewige, hat keinen Namen.
So zart seine Einfalt auch ist,
so wagt doch die ganze Welt nicht,
sie dienstbar zu machen.

Wenn Fürsten und Könige sie zu halten vermögen,
werden alle Wesen von selbst huldigen,
Himmel und Erde sich vereinigen,
erquickenden Tau herabzusenken.

Das Volk, niemand gebietet ihm,
wird von selbst rechtschaffen.

Wenn es anfängt zu schaffen, hat es einen Namen.
Ist der Name bereits da, so soll man auch
anzuhalten wissen.

Wer anzuhalten weiß, ist dadurch außer Gefahr.
Ähnlich ist Taos Sein in der Welt,
wie Bäche und Flüsse, die zu Strömen
und Meeren werden.

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33

Unterscheidung der Tugend

Wer andere kennt, ist klug
Wer sich selber kennt, ist erleuchtet.

Wer andere überwindet, hat stärke,
Wer sich selbst überwindet, ist mächtig.

Wer Genügsamkeit kennt, ist reich,

Wer mächtig fortschreitet, hat Willen.

Wer seinen Platz nicht verliert, dauert fort,

Wer stirbt und doch nicht untergeht, lebt lange.

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34

Vertrauen auf Vollendung

Das große Tao ist überströmend,
es kann links sein und rechts.
Alle Wesen verlassen sich auf es,
um zu leben, und es versagt nicht.

Ist Verdienstliches vollendet,
nennt es dies nicht sein.
Es liebt und nährt alle Wesen
und macht sich nicht Herr.

Ewig ohne Verlangen,
so kann es klein genannt werden.
Alle Wesen kehren sich (zu ihm),
und es macht sich nicht Herr,
so kann es groß genannt werden.

Daher:
Der heilige Mensch macht sich nie groß,
darum kann er seine Größe vollenden.

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35

Tugend der Menschenliebe

Wer das große Bild festhält,
Zu dem kommt alle Welt.
Sie kommt — da ist kein Weheklagen,
Nur Friede, Ruhe und Behagen.»

Bei Musik und Leckereien
steht der vorbeigehende Fremde still.
Geht Tao hervor vom Munde,
wie ungesalzen!, es hat nicht Geschmack.

Schaut man danach,
ist nicht genug zu sehen,
Horcht man danach,
ist nicht genug zu hören,
Braucht man es,
kann man kein Ende finden.

up


36

Verborgenes wird klar

Was sich einziehen will,
hatte sich sicherlich ausgedehnt.

Was schwach werden will,
war sicherlich stark geworden.

Was fallen will,
war sicherlich aufgestiegen.

Was sich nehmen will,
hatte sich sicherlich gegeben.

Das heißt:
Verborgenes wird klar.

Weich und Schwach überwindet
Hart und Stark.

Der Fisch darf die Wassertiefe nicht verlassen.
Des Landes scharfes Gerät darf man
den Menschen nicht zeigen.

up


37

Ausübung des Regierens

Tao ist ewig Nicht-Tun,
und doch bleibt nichts ungetan.
Wenn Fürsten und Könige (es) zu halten vermöge!
werden alle Wesen von selbst sich umwandeln.
Wandeln sie sich um und begehren doch zu tun,
werde ich sie zurückhalten mit des Namenlosen
Einfachheit.

«Des Namenlosen Einfachheit
Bringt auch Begehrenslosigkeit.
Begehrenslosigkeit macht ruhn
Und alle Welt von selbst recht-tun.»

up


38

Erörterung der Tugend

Hohe Tugend (tut) keine Tugend,
daher ist sie Tugend.
Niedere Tugend (tut) unfehlbar Tugend,
daher ist sie nicht Tugend.
Hohe Tugend (tut) Nicht-Tun,
und es ist ihr nicht ums Tun.

Niedere Tugend tut,
und es ist ihr ums Tun.

Hohe Menschenliebe tut,
und es ist ihr nicht ums Tun.
Hohe Gerechtigkeit tut,
und es ist ihr ums Tun.
Hohe Sittlichkeit tut,
und entspricht ihr keiner,
dann streckt sie den Arm aus und erzwingt es.

Darum:
Verliert man Tao, (hat man)
danach Tugend.
Verliert man die Tugend, (hat man)
danach Menschenliebe.
Verliert man die Menschenliebe, (hat man)
danach Gerechtigkeit.
Verliert man die Gerechtigkeit, (hat man)
danach Sittlichkeit.

Diese Sittlichkeit ist der Treue und Aufrichtigkeit Außenseite
und der Verwirrung Beginn.

Äußerliches Wissen ist Taos Blüte
und der Unwissenheit Anfang.

Daher: Ein großer Mann bleibt bei seinem Inhalt
und weilt nicht bei seiner Außenseite,
bleibt bei seiner Frucht
und weilt nicht bei seiner Blüte.

Darum läßt er jenes und ergreift dieses.

up


39

Wurzel des Gesetzes

Was einstmals Einheit erhielt:
«Himmel erhielt Einheit, damit reinen Glast,
Erde Einheit, damit Ruh und Rast,
Geister Einheit, damit den Verstand,
Bäche Einheit, damit vollen Rand,
Alle Wesen Einheit, damit Leben,
Fürst und König Einheit, damit der Welt
das Richtmaß zu geben.»
Das bewirkt die Einheit.

«Gäbe nichts dem Himmel Glast,
Würde er zerschellen,
Gäbe nichts der Erde Rast,
Würde sie zerspellen,
Gäbe nichts den Geistern Verstand,
Würden sie zerfliegen,
Füllte nichts der Bäche Rand,
Würden sie versiegen,
Gäbe nichts den Wesen Leben,
Würden sie zerwallen,
Gäbe nichts Fürst und König Maß, so edel und hoch,
Würden sie doch fallen.»

Darum:
Das Edle macht das Geringe zu seiner Wurzel,
das Hohe macht das Niedrige zu seiner Grundlage.

Daher:
Fürsten und Könige nennen sich Verwaiste,
Wenigkeiten, Unwürdige.

Dies ist, weil sie das Geringe zu ihrer
Wurzel machen, oder nicht?»

Darum:
Fertige Wagenstücke sind kein Wagen.
Man wünscht nicht, hoch geschätzt zu sein wie Jade,
um zu fallen wie Stein.

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40

Wirkung des Wandelns

Rückkehr ist Taos Bewegnis,
Schwachsein ist Taos Gepflegnis.

Alle Wesen entstehen aus dem Sein,
Das Sein entsteht aus dem Nichtsein.

up


41

Übereinstimmung und Unterschied

Hören Hochgebildete von Tao,
werden sie eifrig
und wandeln in ihm.

Hören Mittelgebildete von Tao,
bald behalten sie es,
bald verlieren sie es.

Hören Niedriggebildete von Tao,
verlachen sie es laut.

Lachten sie nicht,
so genügte es nicht,
um für Tao zu gelten.

Denn Sprichworte sind es:

Wer licht in Tao, ist wie voll Nacht,
Wer weit in Tao, wie rückgebracht,
Wer grade in Tao, wie ungeschlacht,
Wer hoch an Tugend, wie ein tiefes Tal,
Wer groß an Reinheit, wie ein schmutziges Mal,
Wer reich an Tugend, wie am Nötigen kahl,
Wer fest an Tugend, wie in Schwanken,
Wer echt an Glauben, wie in Wanken,

Ein groß Quadrat ohne Winkelflanken,
Ein groß Gefäß, das unfertig alt,
Ein großer Klang, der schwach erschallt.
Ein großes Bildnis ohne Gestalt.

Tao ist verborgen namenlos,
Doch in Verleihen und Vollenden
ist nur Tao groß.

up


42

Wandlung des Tao

Tao erzeugt Eins,
Eins erzeugt Zwei,
Zwei erzeugt Drei,
Drei erzeugt alle Wesen.

Alle Wesen tragen das ruhende Yin
und umfassen das bewegende Yang.
Der vermittelnde Lebensodem
bewirkt die harmonische Vereinigung.

Was die Menschen hassen, das ist:
Verwaiste, Wenigkeiten, Unwürdige zu sein,
und doch Fürsten und Könige machen es
zu ihrer Bezeichnung.

Denn ein Wesen

«bald nimmt es ab und nimmt doch zu,
bald nimmt es zu und nimmt doch ab.»

Was andere lehren, das lehre ich auch.

«Gewalttätige, Halsstarrige erreichen nicht
ihren natürlichen Tod.»

Ich will daraus eine Lehre ableiten.

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43

Durchdringende Wirkung

Der Welt Allerweichstes überwindet
der Welt Allerhärtestes.

Das Nicht-Seiende durchdringt
das Zwischenraumlose.

Daran erkenne ich den Wert des Nicht-Tun.

Die Lehre des Nicht-Sprechen,
den Wert des Nicht-Tun
erreichen wenige in der Welt.

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44

Aufstellung der Grenze

Name oder Person, was ist näher?
Person oder Besitz, was ist mehr?
Erwerben oder Verheren, was ist schlimmer?

Daher:
«Wer zu sehr liebt,
Notwendig groß ausgibt.

Wer viel ergiert,
Notwendig stark verliert.

Wer Genügen kennt,
Wird nicht geschänd’t.

Wer still kann stehen,
Wird Gefahren entgehen,
Und kann so lange dauern.»

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45

Überströmende Tugend

Der recht Vollkommne ist wie unzulänglich,
Sein Wirken aber unvergänglich,

Der recht Erfüllte ist wie leer,
Sein Wirken erschöpft sich nimmermehr.

Der recht Gerade ist wie krumm,
Der recht Gescheite ist wie dumm,
Der recht Beredte ist wie stumm.

Bewegung überwindet Kälte,
Ruhe überwindet Hitze,
Der Reine und Ruhige ist der Welt Richtmaß.

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46

Mäßigung der Begierden

Hat das Reich Tao,
so hält man Gangpferde zur Felddüngung.

Hat das Reich nicht Tao,
so züchtet man Kriegsrosse an den Grenzen.

«Kein größerer Frevel,
als Gelüst erlaubt zu nennen,

Kein größeres Unheil,
als Genügen nicht zu kennen,

Kein größeres Laster,
als nach Mehrbesitz zu brennen.»

Darum: Wer sich zu genügen weiß,
hat ewig genug.

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47

Erschauen des Fernen

Geht man nicht aus der Tür,
kennt man die Welt.

Blickt man nicht aus dem Fenster,
sieht man des Himmels Weg.

Je weiter man ausgeht,
desto weniger kennt man.

Daher:
Der heilige Mensch

«Nicht geht und doch kennt,
Nicht sieht und doch benennt,
Nicht tut und doch vollend’t.»

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48

Vergessen des Wissens

Wer lernen tut, nimmt täglich zu;
Wer Tao tut, nimmt täglich ab,
nimmt ab und wiederum nimmt ab,
um anzulangen im Nicht-Tun,
«Nicht-Tun, und doch bleibt nichts ungetan.»

Übernimmt er das Reich,
(so ist es) stets durch Nicht-Geschäftigkeit.
Solange einer Geschäftigkeit hat,
verdient er nicht, das Reich zu übernehmen.

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49

Vertrauen auf Tugend

Der heilige Mensch hat kein beharrliches Herz,
aus der hundert Geschlechter Herzen
macht er sein Herz.

Gute behandle ich gut,
Nichtgute behandle ich auch gut.
Tugend ist Güte.

Aufrichtige behandle ich gut,
Nichtaufrichtige behandle ich auch gut.
Tugend ist Aufrichtigkeit.

Der heilige Mensch ist in der Welt voller Furcht,
daß er durch die Welt sein Herz verwirre.

Die hundert Geschlechter alle richten auf ihn
Ohr und Auge.

Dem heiligen Menschen sind sie alle Kinder.

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50

Wertschätzung des Lebens

Ausgehen ist Leben, Eingehen ist Sterben.
«Des Lebens Begleiter sind dreizehn,
Des Sterbens Begleiter sind dreizehn,
Lebt der Mensch,
so regt er der sterblichen Stellen auch dreizehn.»

Warum ist das ?

Wegen seiner Lebenslust Übermaß.
Denn wir hören:

«Wer das Leben zu erfassen weiß,
geht geradezu,
ohne zu fliehen vor Nashorn und Tiger,
geht hinein in ein Kriegsheer,
ohne anzulegen Panzer und Waffen.

Das Nashorn hat nichts,
wo es sein Horn einstoße,

Der Tiger hat nichts,
wo er seine Klauen einschlage.

Waffen haben nichts,
Wo sie ihre Schneide einführen.

Warum ist das?
Weil er keine sterbliche Stelle hat.

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51

Pflege der Tugend

Tao erzeugt sie,
seine Tugend nährt sie,
sein Wesen gestaltet sie,
seine Kraft vollendet sie.

Daher ist
unter allen Wesen keines,
das nicht Tao verehrt
und seine Tugend wertschätzt.

Taos Verehrung, seiner Tugend Wertschätzung
ist niemandes Gebot und immerdar freiwillig.

Denn
Tao erzeugt sie,
seine Tugend nährt sie,
erhält sie, zieht sie auf,
vollendet sie, macht sie reif,
pflegt sie, schirmt sie.

Erzeugen und nicht besitzen,
wirken und nichts darauf geben,
erhalten und nicht beherrschen,
das heißt tiefe Tugend.

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52

Rückkehr zum Ursprung

Die Welt hat einen Urgrund,
der wurde aller Wesen Mutter.

Hat man seine Mutter gefunden,
so erkennt man dadurch seine Kindschaft.

Hat man seine Kindschaft erkannt
und kehrt zu seiner Mutter zurück,
so ist man bei des Leibes Untergang ohne Gefahr.

Schließt man seine Ausgänge
und macht zu seine Pforten,
so ist man bei des Leibes Ende ohne Sorge.

Öffnet man seine Ausgänge
und fördert seine Geschäfte,
so ist man bei des Leibes Ende ohne Rettung.

Das Kleine sehen,
heißt erleuchtet sein,
das Weiche bewahren,
heißt stark sein.

Braucht man sein Leuchten
und kehrt zu seinem Licht zurück,
so verliert man nichts bei des Leibes Zerstörung.

Das heißt: in das Ewige eingehen.

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53

Zeugnis des Überflusses

Wenn ich hinreichend erkannt habe,
wandle ich im großen Tao,
nur bei der Durchführung ist dies zu fürchten:

«Das große Tao ist sehr gerade,
aber das Volk liebt die Umwege.»

Sind die Paläste sehr prächtig,
sind die Felder sehr wüst,
die Speicher sehr leer.

Bunte Kleider anziehen,
scharfe Schwerter umgürten,
sich füllen mit Trank und Speisen,
kostbare Kleinodien haben in Überfluß,
das heißt mit Diebstahl prahlen,
wahrlich nicht Tao haben!

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54

Einführen und Prüfen

Baut einer gut, wird nicht abgerissen.
Verwahrt einer gut, kommt nichts abhanden.

Der Söhne und Enkel Opfer und Ahnenkult
hören nicht auf.

«Er führt es bei sich selber ein,
Dann hat seine Tugend echt Gedeihen,

Er führt es ein in seinem Haus,
Dann fließt seine Tugend reichlich aus,

Er führt es ein in seinem Ort,
Dann wächst seine Tugend mächtig fort,

Er führt es ein in seinem Land,
Dann hat seine Tugend Blütenstand,

Er führt im ganzen Reich es ein,
Dann schließt seine Tugend alles ein.»

Darum:
An der Person prüft man die Personen,
an dem Haus prüft man die Häuser,
an dem Ort prüft man die Örter,
an dem Land prüft man die Länder,
an dem Reich prüft man das Reich.

Wodurch erkenne ich, daß das Reich so ist!
Durch dieses.

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55

Ausweis des Tiefen

Wer der Tugend Fülle in sich hat,
gleicht dem neugeborenen Kinde.
Giftiges Gewürm sticht es nicht,
reißende Tiere packen es nicht,
Raubvögel stoßen es nicht.

Seine Knochen sind schwach,
die Sehnen weich,
und doch greift es fest zu.

Es kennt noch nicht die Vereinigung
von Weib und Mann,
und doch steigt seine Zeugungskraft,
aus der Fülle des Samens.

Den ganzen Tag schreit es,
und doch wird die Kehle nicht heiser,
aus der Fülle des Einklangs.

«Den Einklang kennen, heißt Ewigkeit,
Das Ewige kennen, Erleuchtetheit;
Voll leben, heißt Unseligkeit,
Das Herz an Lebensodem binden, Kräftigkeit.
Was stark geworden ist, ergreist,
Und das ist, was man Tao-los heißt.
Was Tao-los ist, das endet früh.»

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56

Tiefe Tugend

Der Wissende redet nicht,
der Redende weiß nicht.
«Seine Ausgänge schließt er,
Macht zu seine Pforten,
Er bricht seine Schärfe,
Streut aus seine Fülle,
Macht milde sein Glänzen,
Wird eins seinem Staube.»
Das heißt tiefes Einswerden.

Darum ist er unzugänglich für Anfreundung,
unzugänglich für Entfremdung,
unzugänglich für Vorteil,
unzugänglich für Schaden,
unzugänglich für Ehre,
unzugänglich für Schmach.

Darum wird er von aller Welt geehrt.

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57

Reinhaltung des Brauchs

Mit Redlichkeit regiert man das Land,
mit Arglist braucht man Waffen.

Mit Nichtgeschäftigkeit übernimmt man das Reich.
Woher weiß ich, daß es so ist?

Durch dieses:
Je mehr Verbote und Beschränkungen das Reich hat,
desto mehr verarmt das Volk,

Je mehr scharfes Gerät das Volk hat,
desto mehr wird das Land beunruhigt,

Je mehr Kunstfertigkeit das Volk hat,
desto wunderlichere Dinge kommen auf,

Je mehr Gesetze und Verordnungen kundgemacht werden,
desto mehr Diebe und Räuber gibt es.

Darum sagt der heilige Mensch:

Ich (übe) das Nicht-Tun,
und das Volk wandelt sich von selbst,
ich liebe die Ruhe,
und das Volk wird von selbst redlich,
ich (übe) die Nichtgeschäftigkeit,
und das Volk wird von selbst reich,
ich (übe) das Nichtbegehren,
und das Volk wird von selbst einfach.

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58

Anpassung an Wandlung

Wessen Regierung recht zurückhaltend,
dessen Volk kommt recht empor;

Wessen Regierung recht durchspähend,
dessen Volk verfällt erst recht.

Unglück, oh!, das Glück beruht darauf,
Glück, oh!, das Unglück liegt darunter.

Wer kennt ihren Gipfel?
Ist seine Regierung nicht redlich:
Die Redlichen werden zu Schelmen,
die Guten werden zu Heuchlern.
Des Volkes Verblendung,
ihr Tag währt lange!

Daher: Der heilige Mensch ist
gerecht und nicht verletzend,
aufrichtig und nicht beleidigend,
gerade und nicht willkürlich,
leuchtend und nicht blendend.

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59

Wahrung des Tao

Regiert man die Menschen und dient dem Himmel,
so gleicht nichts der Genügsamkeit.

Nur das Genügsamsein, das heißt
zeitig vorsorgen.

Zeitig vorsorgen, heißt
Wohltaten reichlich aufhäufen.

Häuft man reichlich Wohltaten,
dann ist nichts unüberwindlich.

Ist einem nichts unüberwindlich,
so weiß keiner seinen Gipfel.

Weiß keiner seinen Gipfel,
so kann er das Land haben.

Hat er des Landes Mutter,
so kann er lange dauern.

Das heißt tiefe Wurzel, fester Grund,
Des langen Lebens,
des dauernden Bestehens Weg.

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60

Ausfüllen der Stellung

Man regiere ein großes Land,
wie man kleine Fische brät.
Verwaltet man das Reich mit Tao,
so geistern seine Manen nicht.

Nicht nur seine Manen geistern nicht,
seine Geister verletzen die Menschen nicht.

Nicht nur seine Geister verletzen die Menschen nicht,
auch der heilige Mensch verletzt die Menschen nicht.

Sie beide verletzen miteinander nicht,
denn die Tugend verbindet und eint sie.

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61

Tugend der Bescheidenheit

Ein großes Land, das sich herunterläßt,
ist des Reiches Band, des Reiches Weib.

Das Weib überwindet stets mit Ruhe den Mann,
mit Ruhe ist es untertan.

Darum:

Ein großes Land,
ist es untertan dem kleinen Land,
dann gewinnt es das kleine Land.

Ein kleines Land,
ist es untertan dem großen Land,
dann gewinnt es das große Land.

Darum:

einige sind untertan, um zu gewinnen,
einige untertan, um gewonnen zu werden.

Ein großes Land überschreite nicht den Wunsch,
die Menschen zu einigen und zu ernähren,

ein kleines Land überschreite nicht den Wunsch,
beizutreten und den Menschen zu dienen.

Erreichen sie beide, jedes, was es wünscht,
so soll das große untertan sein.

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62

Ausübung des Tao

Tao ist aller Wesen Bergungsplatz,
Guter Menschen höchster Schatz,
Unguter Menschen rettender Schutz.

Schöne Worte können erkaufen,
edler Wandel kann noch mehr erreichen.

Sind Menschen nicht gut,
wie dürfte man sie aufgeben!
Darum setzte man einen Kaiser ein
und bestellte drei Räte.

Mag er auch (jene) haben, die da Jade-Tafeln empor halten,
und vorfahren mit einem Vier-Rosse-Gespann,
so ist es doch besser,
stillsitzend weiterzukommen in diesem Tao.

Warum verehrten die Alten dieses Tao!
Sagen sie nicht,
wer sucht, der findet,
wer sündig ist, dem vergibt man?

Darum ist es das Köstlichste in der Welt.

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63

Bedenke den Anfang

Das Tun sei Nicht-Tun,
Das Geschäft. sei Nicht-Geschäft,
Der Genuß sei Nicht-Genuß,
Das Große sei Kleines,
Das Viele sei Weniges.

Vergeltet Feindschaft mit Wohltun.

Plant das Schwere in seinem Leichtsein,
Tut das Große in seinem Kleinsein.

Die schwierigen Geschäfte der Welt
beginnen ja mit Leichtsein,

Die großen Geschäfte der Welt
beginnen ja mit Kleinsein.

Daher:
Der heilige Mensch tut nie das Große,
darum kann er sein Großes vollenden.

Wer leichthin verspricht, hält sicher selten.
Wem vieles leicht ist,
wird sicher vieles schwer.

Daher:
Der heilige Mensch behandelt es als schwer,
darum wird ihm lebenslang nichts schwer.

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64

Hüte das Feine

Was ruht, wird leicht gehalten,
Was sich noch nicht zeigt, wird leicht verhütet,
Was zart ist, wird leicht gebrochen,
Was fein ist, wird leicht zerteilt

Tue das, wenn es noch nicht da ist,
Regle das, wenn es noch nicht in Unordnung ist.

Ein umfangreicher Baum
entsteht aus haarfeinem Sproß,
Ein neunstöckiger Turm
erhebt sich aus einem Häuflein Erde,
Eine Reise von tausend Meilen
beginnt mit einem Schritt.

Wer tut, dem mißlingt,
Wer nimmt, der verliert.

Daher:
Der heilige Mensch tut nicht,
darum mißlingt ihm nichts,
nimmt nicht,
darum verliert er nichts.

Das Volk, das einem Geschäft nachgeht,
ist stets nahe am Vollenden, und dann mißlingt es ihm.
Sorgt man für das Ende wie für den Anfang, dann mißlingt kein Geschäft.

Daher:
Der heilige Mensch
begehrt, nicht zu begehren,
schätzt nicht hoch Güter schweren Erwerbs,
lernt, nicht zu lernen,
und kehrt um, wo die meisten Menschen überschreiten.

Allen Wesen verhilft er zu ihrer Freiheit
und wagt doch nicht, zu tun.

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65

Reinhaltung der Tugend

Die vor alters gut waren, Tao zu tun,
klärten damit das Volk nicht auf,
sie wollten es damit einfach erhalten.

Das Volk ist schwer zu regieren,
wenn es allzu klug ist.
Durch Klugheit das Land regieren,
ist des Landes Verderben.

Nicht durch Klugheit das Land regieren,
ist des Landes Segen.

Wer dies beides weiß,
ist auch ein Musterbild.

Stets des Musterbilds sich bewußt sein,
das heißt tiefe Tugend.
Tiefe Tugend ist abgründig,
ist unerreichbar,
ist mit den Wesen in Widerspruch,
dann aber erhält sie große Nachfolge.

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66

Sich hintanstellen

Wodurch Ströme und Meere
die Könige der hundert Flüsse zu sein
vermögen,
ist, daß sie sich ihnen gut untertun.
Darum vermögen sie, die Könige der hundert
Flüsse zu sein.

Daher:
Der heilige Mensch,
wünscht er über dem Volk zu sein,
muß mit dem Wort sich ihm untertun.
Wünscht er dem Volk voranzugehen,
muß mit der Person sich ihm nachstellen.

Daher:
Der heilige Mensch
bleibt oben,
und das Volk ist unbeschwert,
bleibt voran,
und das Volk ist unbeschädigt.

Daher:
Alle Welt freut sich, ihm zu gehorchen,
und wird es nicht müde.

Weil er nicht streitet,
darum vermag keiner in der Welt
mit ihm zu streiten.

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67

Drei Schätze

Alle in der Welt nennen mich groß,
weil ich aus der Art geschlagen scheine.
Aber nur, weil man groß ist,
darum scheint man aus der Art geschlagen.

Wenn einer nicht aus der Art geschlagen ist,
lange, wahrlich, währt seine Unbedeutenheit.

Nun habe ich drei Schätze,
die ich bewahre und schätze:

Der erste heißt: Barmherzigkeit,
der zweite heißt: Genügsamkeit,
der dritte heißt: Nicht wagen, im Reich voran zu sein.

Barmherzigkeit, darum kann ich kühn sein,
Genügsamkeit, darum kann ich ausgeben,
Nicht wagen, im Reich voran zu sein,
darum kann ich der Beamten Herr sein.

Gegenwärtig verschmäht man Barmherzigkeit
und ist doch kühn,

verschmäht Genügsamkeit
und gibt doch aus,

verschmäht Zurücken
und ist doch voran.

Das führt zum Tod!
Ist man barmherzig im Kampf,
dann siegt man, in der Verteidigung,
dann widersteht man.

Wem der Himmel helfen will,
den schützt er durch Barmherzigkeit.

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68

Paarung mit dem Himmel

Wer tüchtig ist, Anführer zu sein,
ist nicht kriegerisch,
Wer tüchtig ist, zu kämpfen,
ist nicht zornig,
Wer tüchtig ist, Gegner zu überwinden,
streitet nicht,
Wer tüchtig ist, Menschen zu verwenden,
ist ihnen untertan.

Das heißt die Tugend des Nichtstreitens,
das heißt die Kraft der Menschenverwendung,
das heißt die Paarung mit dem Himmel,
des Altertums Höchstes.

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69

Anwendung des Tiefen

Ein Kriegserfahrener hat gesagt:
«Ich wage nicht, den Hausherrn zu machen,
aber ich mache den Gast.
Ich wage nicht, einen Zoll vorzugehen,
aber ich weiche einen Fuß zurück.»

Das heißt
vorgehen ohne Vorgehen,
zurückwerfen ohne Arme,
nachsetzen ohne Angriff,
gefangen nehmen ohne Waffen.

Kein größeres unheil gibt es,
als leichtfertig anzugreifen.

Leichtfertig angreifen,
ist nahezu unseren Schatz verlieren.

Denn stoßen gegnerische Heere aufeinander,
so siegt der Weichende.

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70

Verstehen des Schwierigen

Meine Worte sind
sehr leicht zu verstehen,
sehr leicht zu befolgen,
doch keiner in der Welt
vermag sie zu verstehen,
keiner vermag sie zu befolgen.

Die Worte haben einen Urheber,
die Werke haben einen Gebieter.

Nur weil dieser nicht verstanden wird,
deshalb werde ich nicht verstanden.

Die mich verstehen, sind wenige,
dem gemäß werde ich geschätzt.

Daher:
Der heilige Mensch
kleidet sich in Wolle,
und birgt Jade.

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71

Erkennen der Krankheit

Erkennen das Nicht-Erkennen,
ist das Höchste.
Nicht erkennen das Erkennen,
ist Krankheit.

Nur wen die Krankheit kränkt,
der ist dadurch nicht krank.

Der heilige Mensch ist nicht krank,
weil ihn seine Krankheit kränkt.

Daher ist er nicht krank.

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72

Sich lieben

Fürchtet das Volk nicht das Furchtbare,
dann kommt das Furchtbarste:
Man mache nicht eng seine Wohnung,
nicht widrig sein Leben!

Nur weil man es nicht widrig macht,
Deshalb wird es nicht widrig.

Daher:
Der heilige Mensch
erkennt sich selbst,
aber sieht nicht sich selbst an,
liebt sich selbst,
aber schätzt nicht sich selbst hoch.

Darum läßt er jenes und ergreift dieses.

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73

Verantwortung im Tun

Hat man Mut, zu wagen,
dann tötet man,
hat man Mut, nicht zu wagen,
dann läßt man leben.
Dieses Beides ist bald nützlich,
bald schädlich.

«Was dem Himmel ist verhaßt,
Wer erkennt, warum ist das ?»

Daher:
Der heilige Mensch hält es für schwer.

Des Himmels Weg ist:
«Er streitet nicht, und weiß zu überwinden,
Er redet nicht, und weiß Antwort zu finden,
Er ruft nicht, und man kommt von selbst vor ihn;

Langmütig weiß er plangemäß zu leiten,
Des Himmels Netz faßt weite Weiten,
Klafft offen - und läßt nichts entfliehen.»

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74

Überwindung des Zweifels

Fürchtet das Volk nicht den Tod,
wie will man es mit dem Tod schrecken?

Wenn man macht,
daß das Volk stets den Tod fürchtet,
und wir können den,
der Schreckliches tut,
ergreifen und töten,
wer wagt es?

Immerdar gibt es einen Blutrichter,
der da tötet.
Wenn man anstatt des Blutrichters tötet,
das heißt, anstatt des Zimmermanns behauen.

Wenn man anstatt des Zimmermanns behaut,
bleibt selten die Hand unverletzt.

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75

Nachteil der Gier

Das Volk hungert,
weil seine Oberen zuviel Abgaben verzehren.
Deshalb hungert es.

Das Volk ist schwer zu regieren,
weil seine Oberen zu tun haben.
Deshalb ist es schwer zu regieren.

Das Volk achtet den Tod gering,
weil es Lebensüppigkeit sucht.
Deshalb achtet es den Tod gering.

Nur wer nichts um des Lebens willen tut,
ist weise gegen den, der das Leben hochschätzt.

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76

Begrenzung des Starken

Der Mensch
tritt ins Leben weich und schwach,
er stirbt hart und stark.

Alle Wesen
treten ins Leben weich und zart,
sie sterben trocken und dürr.

Darum:
Das Harte und Starke ist Begleiter des Todes,
das Weiche und Schwache ist Begleiter des Lebens.

Daher:
Ist ein Kriegsheer stark,
dann siegt es nicht.
Ist ein Baum stark, dann ist er am Fall.

Das Starke und Große bleibt unten,
das Weiche und Schwache bleibt oben.

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77

Des Himmels Weg

Des Himmels Weg,
wie gleicht er dem Spannen des Bogens!
Das Hohe bringt er nieder,
das Niedere bringt er hoch.

Das Übervolle mindert er,
das Nichtgenügende ergänzt er.

Des Himmels Weg ist:
das Übervolle zu mindern,
das Nichtgenügende zu ergänzen.

Des Menschen Weg ist nicht so:
er mindert das Nichtgenügende,
um es dem Übervollen darzubringen.

Wer vermag Übervolles dem Reich darzubringen?
Nur der Tao hat.
Daher:
Der heilige Mensch
wirkt und gibt nichts darauf.

Ist Verdienstliches vollendet,
besteht er nicht darauf.

Er wünscht nicht, seine Weisheit
sehen zu lassen.

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78

Vertrauen auf Glauben

Nichts in der Welt ist
weicher und schwächer als Wasser,
und doch nichts,
was Hartes und Starkes angreift,
vermag es zu übertreffen,
es gibt nichts,
wodurch es zu ersetzen wäre.

Schwaches überwindet das Starke,
Weiches überwindet das Harte.

Keinem in der Welt ist es unbekannt,
aber keiner vermag es zu üben.

Daher:
Der heilige Mensch sagt
«Tragen des Landes Unreinigkeiten,
Das heißt, voran beim Kornopfer schreiten.
Tragen des Landes Not und Pein,
Das heißt, des Reiches König sein.»

Wahre Worte sind wie umgekehrt.

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79

Verantwortung für die Verpflichtung

Versöhnt man großen Groll,
so bleibt sicherlich Groll übrig.
Wie kann man das gutmachen?

Daher:
Der heilige Mensch
übernimmt die linke Seite des Vertrags
und treibt nicht von anderen ein.

Wer Tugend hat,
sorgt für die Vertragsverpflichtung,
wer keine Tugend hat,
sorgt für die Forderung.

Des Himmels Tao
hat keine Günstlinge,
immerdar gibt er dem guten Menschen.

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80

Allein stehen

Das Land sei klein, das Volk wenig,
lasse es Beamte für zehn und hundert Menschen haben
und nicht gebrauchen.

Lasse das Volk den Tod schwer nehmen
und nicht in die Ferne ziehen.

Obschon es Schiffe und Wagen habe,
nicht habe es Anlaß, sie zu besteigen.

Obschon es Panzer und Waffen habe,
nicht habe es Anlaß, sie anzulegen.

Lasse das Volk wieder Schnüre knoten
und sie gebrauchen.

Süß sei ihm seine Speise,
schön seine Kleidung,
friedlich seine Wohnung,
freudig seine Sitte.

Nachbarländer seien gegenseitig zu erblicken,
der Hähne und Hunde Stimmen gegenseitig zu hören,
und das Volk erreiche Alter und Tod,
ohne einander zu besuchen.

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81

Aufweis des Wesentlichen

Wahre Worte sind nicht schön,
schöne Worte sind nicht wahr.

Der Gute redekünstelt nicht,
der Redekünstler ist nicht gut.

Der Erkennende ist nicht vielwissend,
der Vielwisser erkennt nicht.

Der heilige Mensch sammelt nicht an
Je mehr er für die Menschen tut,
desto mehr hat er.

Je mehr er den Menschen gibt,
desto viel mehr hat er.

Des Himmels Weg ist,
wohltun und nicht schaden.

Des heiligen Menschen Weg ist,
tun und nicht streiten.

(c) DDr. Michael Reinprecht