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Vivekananda: Jnana-Yoga 

1. Der Makrokosmos

Warum gebrauchen wir dieses alte Wort Gott ?  Weil es das beste Wort ist. Kein besseres Wort könnten wir finden, weil alle Hoffnungen und Sehnsüchte, das ganze Glück der Menschheit in diesem Wort zusammengefasst sind. Es ist unmöglich, jetzt dieses Wort zu ändern. Solche Worte wurden von Heiligen geprägt, die deren Sinn und deren Bedeutung verstanden. Durch den täglichen Gebrauch im Munde von unwissenden Menschen haben diese Worte ihren Glanz und ihren Geist verloren.

Das Wort Gott wird aber seit undenklichen Zeiten verwendet worden, und jene kosmische Intelligenz und alles, was heilig ist, verknüpft sich damit. Sollen wir etwas dieses Wort verwerfen, nur weil irgendjemand sagt, es sei nicht das richtige ?  Millionen von Menschen gebrauchen diese Worte, verehren sie und verbinden mit ihnen alles, was erhaben und großartig, alles was intelligent und liebenswert, alles was edel und hochherzig ist in der menschlichen Natur.

Alles, was wir sehen, fühlen und hören, das ganze Weltall, ist Gottes Schöpfung, oder ist aus Gott hervorgegangen, oder um es noch genauer zu sagen, ist Gott selbst. Gott ist es, der als Sonne scheint und als Stern leuchtet, Gott ist die Mutter Erde, und Gott ist das Weltmeer. Gott kommt als der leise Regenschauer, Gott ist die linde Luft, die wir einatmen und Gottes Kraft ist es, die in unserem Körper wirksam ist.  Alles ist Gott.

Gott ist der Stoff, aus dem die Welt besteht und die Intelligenz, welche die Welt durchdringt (Causa materialis und Causa efficiens). Gott ist es, der in jeder winzigen Zelle eingehüllt ist und sich am anderen Ende als Gott enthüllt. Gott kommt herab als winziges Atom; langsam und allmählich seine göttliche Natur offenbarend, vereinigt sich Gott mit sich selbst. Dies ist das Geheimnis des Weltalls. Dies ist die einzige Erklärung des Kosmos, die den menschlichen Verstand befriedigt. In einem Wort: wir kommen von Gott, wir leben in Gott und wir kehren zu Gott zurück.

"Du bist die Frau, Du bist der Mann,

Das Mädchen und der Knabe,

Du bist der alte Greis,

Wahrlich Du bist alles."

(Swetasvatara Upanischad) 

2. Der Mikrokosmos

Die Frage nach der eigenen menschlichen Seele wurde gestellt. In wie vielen Ländern, wie oft ist diese Frage gestellt worden ! Weise und Könige, Reiche und Arme, Heilige und Sünder, jeder Mann und jede Frau, alle haben von Zeit zu Zeit diese Frage gestellt: Gibt es nichts Bleibendes in diesem dahin schwindenden menschlichen Dasein ?  Gibt es etwas, so fragten sie, was nicht untergeht, wenn dieser Körper stirbt ? Und wenn es überlebt, was ist sein Schicksal ? Wohin geht es ? Woher kommt es ?  Wieder und wieder wurden diese Fragen gestellt, und immer wieder gab es Antworten. Vor tausenden vor Jahren wurde die Frage ein für allemal beantwortet, und in den nachfolgenden Zeitaltern immer wieder neu dargestellt, neu erläutert und unserem Verständnis näher gebracht:

Die Organe des Menschen befinden sich im äußeren, groben Körper, sie übertragen die Sinneseindrücke von außen nach innen an die psychischen Organe, dem so genannten feineren Körper. Er ist viel feiner als der physische Leib, aber er ist nicht die Seele. Die Seele ist jenseits von all diesem. Die Seele kann weder entarten noch vergehen. Analog ist auch die Intelligenz nicht das Wesen des äußeren Körpers, noch ist sie das Wesen des feineren Körpers, denn diese beiden sind veränderlich und vergänglich.

Die Seele weiß nicht, sie  IST  Wissen; die Seele kann nicht glücklich sein, sie IST Glück. Was glücklich ist hat sein Glück entliehen, was Wissen hat, hat sein Wissen empfangen. Was relatives Dasein hat, hat nur reflektiertes Dasein. Wo immer Eigenschaften sind, werden diese Eigenschaften auf die Substanz reflektiert; aber Wissen, Sein und Glückseligkeit sind keine Eigenschaften der Seele, sie sind ihr Wesen.

Der Mensch besteht also aus der äußeren Hülle, dem physischen Leib, dann dem feineren Leib, dem Träger des psychischen Organismus und des ICH-Gefühls. Hinter ihnen steht das wahre Selbst des Menschen. Alle Eigenschaften des groben Körpers sind von den Sinnen, dem Verstand und dem Gemüt entliehen, während der feinere Körper seine Kräfte und seinen Glanz von der Seele entleiht, die hinter ihm steht.

Die Seele war immer. Es gab keine Zeit, da sie nicht war. Die Zeit ist in der Seele; erst wenn die Kräfte der Seele auf den Intellekt ausstrahlen, kann ein Gedanke entstehen, und erst mit dem Gedanken kommt die Idee von der Zeit. Ohne Seele gäbe es keine Gedanken und ohne Gedanken gäbe es keine Zeit. Die Seele kennt weder Geburt noch Tod, sie durchläuft diese Stadien unverändert. Wären wir aus dem Nichts hervor gegangen, würden wir unfehlbar wieder zu Nichts zurückkehren müssen. Niemand aber ist aus dem Nichts entstanden, und daher wird niemand zum Nichts zurückkehren. Wir alle sind von Ewigkeit an gewesen und werden ewig sein.

Wo ist Schicksal und wer ist Schicksal ?   Wir ernten, was wir gesät haben. Wir schmieden selbst unser Schicksal; niemand sonst ist zu tadeln und niemand sonst zu loben. Der Wind weht, und die Schiffe, die ihre Segel entfaltet haben, fangen ihn auf, nützen ihn und gehen ihren Weg; aber diejenigen, die ihre Segel eingezogen haben, können den Wind nicht einfangen und nutzen. Ist das der Fehler des Windes ?  Ist es die Schuld Gottes, dessen Gnadenbrise ununterbrochen Tag und Nacht weht, wenn manche von uns glücklich und manche von uns unglücklich sind ? Wir selbst schaffen unser Schicksal. Gottes Sonne scheint den Starken und den Schwachen. Gottes Wind weht den Heiligen und den Sündern. Weder straft Gott, noch belohnt Gott. Gottes unendliche Güte ist für uns alle da, zu jeder Zeit, an jedem Ort, unter allen Umständen, unfehlbar und unerschütterlich. An uns ist, diese zu nutzen. 

Erheben wir uns, seien wir kühn und stark, und nehmen die ganze Verantwortung auf unsere Schultern. Wir alleine sind die Gestalter unseres Schicksals. alle Macht und alle Hilfe, die wir brauchen liegt schon in uns selbst, und wir selbst bestimmen unsere Zukunft. Die unendliche Zukunft liegt vor uns:  Jedes Wort, jeder Gedanke und jede Tat bleiben als Eindruck in uns zurück, und die üblen Gedanken und Taten sind bereit, uns anzufallen wie Tiger. Wir wollen nur gute Gedanken denken und gute Taten tun; sie werden uns mit der Macht von hunderttausend Engeln beschützen für immer und ewig.

 

3. Die Notwendigkeit der Religion

Alle alten Religionen erheben den Anspruch, sie seien übernatürlichen Ursprungs und verdankten ihre Entstehung nicht dem menschlichen Gehirn, sondern einer höheren Macht. Zwei Theorien haben bei den Gelehrten eine gewisse Zustimmung gefunden. Nach der einen Theorie ist der Ahnenkult der Anfang aller Religionen, nach der anderen ist die Entwicklung der Idee des Unendlichen und die Personifizierung der Naturgewalten der Ursprung der Religion.

Der Mensch liebt es, das Gedächtnis an seine toten Anverwandten zu bewahren und im Glauben, sie lebten auch nach der Auflösung des Körpers noch, hat er den Wunsch, ihnen Nahrung zu reichen und in einem gewissen Sinne zu verehren. Hieraus erwuchs das, was wir Religion nennen. Wenn wir die alten Religionen der Ägypter, Babylonier, Chinesen und anderer Völker studieren, finden wir sehr deutliche Spuren dieses Ahnenkults als Anfang der Religion.

Auf der anderen Seite stehen die Gelehrten, die an Hand der arischen Literatur nachweisen, dass die Religion ihren Ursprung in der Anbetung der Natur hat. Obwohl überall in Indien Beweise von Ahnenverehrungen zu finden sind, enthalten die ältesten Berichte wie das Rig-Veda Samhita, nichts davon. Moderne Wissenschafter glauben dort Anzeichen von Naturanbetung zu finden, ein Ringen von menschlichen Geistes, um einen Blick hinter die Kulissen.

Als dritter Weg ist die Suche nach innen zu sehen: man forschte tiefer und tiefer nach den verschiedenen Stadien des Bewußtseins und entdeckte höhere Zustände als den Wach- und den Schlafzustand. Alle Religionen kennen sie und nennen sie entweder Ekstase oder Inspiration. Alle organisierten Religionen behaupten, dass ihre Gründer, Propheten oder Apostel, hätten Bewußtseinszustände erlebt, die weder Wachen noch Schlafen sind. In solchen Zuständen sind sie von Angesicht zu Angesicht Geschehnissen gegenüber gestanden, die dem Reiche des Geistes angehören, und hätten alles weitaus intensiver wahrgenommen, als wir es im Wachzustand tun.

Alle Religionen machen demnach die sehr wichtige Feststellung, der menschliche Geist sei fähig, in gewissen Augenblicken nicht nur über die Sinnesgrenzen, sondern auch über den Verstand hinaus zu gelangen, um sich dann Dingen gegenüber zu befinden, die man weder hätte fühlen noch ausdenken können. Diese Erlebnisse bilden die Grundlage aller Weltreligionen, d.h. der menschliche Geist besitze die besondere Macht, die Sinnes- und Verstandesgrenzen zu überschreiten

Religionen müssen allumfassend sein und dürfen sich nicht gegenseitig verachten, weil ihre besonderen Gottesideale nicht dieselben sind. Die religiösen Ideale der Zukunft müssen alles einschließen, was in der Welt groß und erhaben ist, und gleichzeitig unendlichen Spielraum für künftige Entwicklungen lassen. Das Gute der Vergangenheit muss erhalten werden, und gleichzeitig müssen die Tore weit geöffnet werden, damit Künftiges dem Bestehenden hinzugefügt werden kann.  Religionen, die ungeheure Kraft besitzen, haben oft in der Vergangenheit mehr Schaden als Nutzen angerichtet, nur weil sie so eng und so beschränkt waren. Deshalb müssen Religionen Weite haben; ihre Ideen müssen universal, gewaltig und unendlich sein; nur dann können sie zur vollen Entfaltung kommen.

Solange Religion in den Händen einiger Auserwählter oder der Priesterschaft lag, ruhte sie in Tempel, Kirchen, Büchern, Dogmen, Riten und Zeremonien. Aber wenn wir sie in ihrem wirklichen, geistigen und universellen Sinne erfassen, dann und nur dann, wird die Religion wahr und lebendig werden, sie wird in uns strömen, in jeder unserer Begegnungen leben, jeder Zelle unserer Gesellschaft durchdringen und unendlich mehr Gutes schaffen als je zuvor. Was wir brauchen ist brüderliches Fühlen zwischen den Religionen in der Erkenntnis, dass sie alle zusammen stehen, brüderliches Fühlen, das aus gegenseitiger Achtung und Ehrerbietung stammt, - und nicht die herablassende, bevormundende und Mangel an gutem Willen zeigende Haltung.

 

4. Die wahre Natur des Menschen

Eine der schönsten Upanishaden, die Katha Upanishad beginnt mit den Worten: "Ein Zweifel waltet, wenn der Mensch gestorben:  ´Er ist´, sagen die einen, ´Er ist nicht´, sagen die anderen."  Was ist wahr ? Das ganze Gebiet der Metaphysik, der Philosophie und Religion ist tatsächlich mit den verschiedensten Antworten auf diese Frage ausgefüllt.

Was ist jenseits ? Bedeutet der Tod das Ende all der Dinge, an die wir uns geklammert haben ? Die Welt schwindet in einem Augenblick dahin. Ist das die Wirklichkeit ? Getrieben vom Verlangen nach Glück jagen wir allem hinterher, um glücklich zu werden; und wir beginnen unseren Wahnsinnslauf in der Außenwelt der Sinne. Fragen wir einen jungen Mann, dessen Leben erfolgreich ist, so wird er uns antworten, all dies sei echt, und er glaubt daran. Derselbe Mensch, alt geworden und vom Glück genarrt, wird vielleicht erklären, es sei Schicksal gewesen. Er merkt schließlich, dass seine Wünsche unerfüllbar sind, er stößt auf eine granitene Mauer, die er nicht durchdringen kann. Jede Sinnesreaktion erzeugt eine Reaktion, nichts ist dauerhaft: Glück und Elend, Luxus und Macht, Reichtum und Armut - ja das Leben selbst - alles ist vergänglich.

Wir haben schon gelesen, das der grobe Leib des Menschen wird vom feinen Leib des Menschen beeinflusst wird. Wenn also ein feiner Körper notwendig ist, um den physischen Leib zu beeinflussen, so muss notwendigerweise auch der feine Leib von etwas beeinflusst werden. Und dieses Etwas nennt man die Seele oder Atman in Sanskrit. Es ist also die Seele / Atman, die mittels des feinen Körper auf den groben, äußeren Körper einwirkt. Die Seele ist nicht identisch mit den Sinnen, Gemüt oder Verstand, sondern er wirkt auf diese ein und durch sie auf den Körper. Jeder von uns hat eine besondere Seele / Atman und einen besonderen feinen Leib, und von diesen beiden wird der physische Körper beeinflußt.

Die verschiedenen Philosophien scheinen darin übereinzustimmen: die Seele / Atman hat, was sie auch immer sein mag, weder Gestalt noch Form; etwas Gestaltloses und Formloses muss aber auch allgegenwärtig sein. Raum und Zeit sind nur Formen der dem Menschen angeborenen Anschauungsweise. Ohne Zeit kann es keine Kausalität geben, denn ohne die Vorstellung zeitlicher Aufeinanderfolge kann es keine Vorstellung einer Ursache geben. Zeit, Raum und Kausalität entstehen erst durch die menschliche Anschauung: die Seele / Atman jedoch ist jenseits des menschlichen Sinnes und formlos, und muss daher jenseits von Raum, Zeit und Kausalität sein. Wenn sie aber jenseits von Raum, Zeit und Kausalität ist, dann muss die Seele unendlich sein.

Nun kommt die höchste These unserer Advaita-Philosophie. Das Unendliche kann nicht in Teile geteilt werden. Wenn eine Seele unendlich ist, kann es nur  EINE Seele geben, und alle Vorstellungen von verschiedenen Seelen  - er hat eine Seele , sie hat eine Seele, ich habe eine Seele und so fort - sind unhaltbar. Der "wahre / wirkliche  Mensch" ist deshalb einzig und unendlich, also der allgegenwärtige Geist - und der "sichtbare Mensch" ist nur ein Begrenzung jenes "wahren Menschen". In diesem Sinne sind die Mythologien wahr, wenn sie sagen, dass der "sichtbare Mensch", wie überragend er auch sein mag, nur ein schwacher Widerschein des "wahren Menschen" ist. Der "wahre Mensch", der Geist, der jenseits von Ursache und Wirkung, ungebunden von Raum und Zeit ist, muss daher frei sein. Er wird niemals gebunden sein. Der "sichtbare Mensch", sein Spiegelbild, ist beschränkt von Raum, Zeit und Kausalität und ist deshalb gebunden.  Oder wie es die Vedanta-Philosophen ausdrücken, er scheint gebunden, ist es aber in Wirklichkeit nicht. Jene Allgegenwart, jener geistige Wesenskern, jene Unendlichkeit, das ist die Wirklichkeit unserer Seelen. Jede Seele ist unendlich, geburtlos und todlos.

Der Körper ist nicht der wirkliche Mensch, auch nicht der Verstand, Gemüt oder Sinne, sie alle kommen und vergehen. Der Geist allein lebt ewig. Nur das Begrenzte kann sich verändern; es ist Unsinn zu glauben, das Unendliche könne sich nur im geringsten verändern. Wir, als begrenzte Körper, können uns bewegen, jeder Teil im Weltall ist in ständigem Wechsel begriffen, aber das Universum als Einheit, als ein Ganzes betrachtet, kann sich weder bewegen noch verändern. Diese unendliche Einheit ist unveränderlich, unbeweglich, unbedingt und dies ist der "wirkliche Mensch". Unsere Wirklichkeit besteht deshalb im Allumfassenden und nicht im Begrenzten.

Der Mensch kann seine Todesfurcht überwinden, wenn er erkennt, dass er so lange lebt, solange auch nur EIN Leben im Weltall existiert. Wenn er sagen kann: "Ich bin in Allem, ich bin in Jedem, ich lebe in jedem Leben, ich bin das Weltall.", dann erst weiß er was Furchtlosigkeit ist. Ein alter Sanskrit-Philosoph sagt, der Geist allein sei das Individuum, weil der Geist unendlich ist; Unendlichkeit kann nicht geteilt werden, Unendlichkeit kann man nicht in Stücke brechen. Die Unendlichkeit ist stets dieselbe / eine / ungeteilte Einheit - und sie ist der individuelle Mensch, der "wahre Mensch". Der Geist ist unveränderlich. Wir brauchen deshalb die Vollkommenheit nicht erst zu erlangen, wir sind bereits frei und vollkommen.

Was bedeuten diese Begriffe: Religion, Gott und die Suche nach einem ewigen Leben ?  Warum sucht der Mensch nach einem Gott ?  Warum sehnt der Mensch sich nach einem vollkommenen Ideal, ob er es nun  im Menschen, in Gott oder irgendwo anders sucht ? Weil jene Idee in uns ist. Es war unser eigenes Herz, das klopfte, und wir wussten es nicht; wir glaubten irrtümlicherweise das Klopfen käme von draußen. Es ist aber Gott in uns selbst, der uns antreibt Gott zu suchen und Gott zu verwirklichen. Nach langem Suchen hier und dort, in Tempeln und in Kirchen, auf Erden und im Himmel, kehren wir endlich zu unserem Ausgangspunkt zurück - zu unserer eigenen Seele, und finden, dass Gott näher als nahe ist: Gott ist unser eigenes Selbst, die Wirklichkeit unseres Lebens, unseres Körpers und unserer Seele - unsere wahre Natur. Wir müssen nicht rein werden, wir sind schon rein. Wir müssen nicht vollkommen werden, wir sind schon vollkommen.

Die Natur gleicht einer Wand, hinter der die Wirklichkeit verborgen ist. Jeder positive Gedanke, den wir denken, oder unter dessen Impuls wir agieren, zerreißt den Schleier; und die Reinheit, die Unendlichkeit, Gott wird dahinter mehr und mehr offenbar. Dies ist die ganze Geschichte der Menschheit.

Wie ist die Ethik des Menschen zu erklären ? Ein Gedanke steht im Mittelpunkt aller ethischen Lehren: seinen Mitmenschen Gutes zu erweisen; barmherzig sein gegen Menschen und Tiere soll das leitende Motiv der Menschheit sein. Aber diese Lehren sind nur verschiedene Bezeichnungen für jene ewige Wahrheit: "Ich bin das All; dieses All ist einzig."  Wo sonst wäre eine Begründung dafür zu finden ? Warum sollte ich meinem Nächsten Gutes tun ? Was treibt mich ?  Das Mitgefühl ist das Gefühl von universeller Gleichheit und Einheit !

Wir alle suchen nach dem Glück, aber die meisten Menschen suchen das Glück in vergänglichen Dingen, die nicht wirklich sind. Niemand aber kann das Glück in den Sinnen und der Sinneslust finden. Nur im Geist kann das Glück gefunden werden, und deshalb ist es für die Menschheit von allergrößtem Vorteil, jenes Glück im Geist zu finden.

"Warum weinst Du, mein Freund ?  Für dich gibt es weder Geburt noch Tod. Warum weinst du ? Für dich gibt es weder Krankheit noch Elend. Du gleichst dem unendlichen Himmel, über den vielfarbige Wolken dahin ziehen, ein Weilchen spielen und verschwinden. Aber der Himmel ist stets von gleicher ewiger Bläue."

Sprecht nicht von der Schlechtigkeit der Welt und ihren Sünden; weint lieber, dass ihr sie noch seht. Wenn ihr der Welt helfen wollt, verdammt sie nicht und schwächt sie nicht noch mehr. Was ist Sünde, und was ist Elend anderes als die Folge von Schwäche ?  Man lehrt die Menschen von der Kindheit an, sie seien Schwächlinge und Sünder - und schwächt die Welt täglich immer wieder durch solche Lehren.  Lehrt die Menschen, dass sie alle herrliche Kinder der Unsterblichkeit sind; und lehrt es selbst den Schwächsten. Lasst starke und bejahende Gedanken in die Kinder einströmen und öffnet eure eigenen Herzen für solche Gedanken (und nicht für die schwächenden Gedanken). Sagt euch immer wieder: "Ich bin Gott, ich bin Gott."  Lasst es Tag und Nacht wie eine Melodie in euch klingen: "Ich bin Gott."  Dies ist die Wahrheit. Die unbegrenzte Macht des Alls ist in euch. Treibt den alten Aberglaube aus, der eure Sinne verdunkelt. Seid kühn. Erkennt die Wahrheit und lebt die Wahrheit.  Das Ziel mag fern sein, aber erwacht und erhebt euch. Rastet nicht, bis das Ziel erreicht ist !

(c) DDr. Michael Reinprecht